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Eigenhändige Randbemerkungen des Thomas von Aquin

Eigenhändige Randbemerkungen des Thomas von Aquin
Glossen des großen Kirchenlehrers in der
Kölner Diözesan- und Dombibliothek entdeckt

Symposion über die Domhandschriften publiziert

Am 26. und 27. November 2004 fand in der Erzbischöflichen Diözesan- und Dombibliothek Köln ein wissenschaftliches Symposion statt. Thema waren für die historische Forschung besonders wichtige mittelalterliche Domhandschriften. Es nahmen mehr als 80 Wissenschaftler und Bibliothekare aus Deutschland, Belgien und der Schweiz teil. Zur Jahreswende 2005/2006, also nach gut einem Jahr, was im wissenschaftlichen Bereich als "schnell" gelten kann, wurden die Ergebnisse in einer eigenen Publikation der Bibliothek vorgelegt. Diese enthält nun zehn der dabei gehaltenen Referate als sehr sorgfältig ausgearbeitete Forschungsbeiträge. Die Themen sind vielfältig, es geht um Theologie, Liturgie und Kunstgeschichte, aber auch um mittelalterliche Astronomie und Zeitrechnung. (Titel, Preis und Bestellweg sind am Ende dieses Beitrags angegeben.)


Sensationelle Entdeckung

Einer dieser Symposiumsbeiträge enthält eine Sensation: Die Diözesan- und Dombibliothek besitzt in einer ihrer vierhundert mittelalterlichen Handschriften, und zwar im Codex 30, eigenhändige Eintragungen des heiligen Thomas von Aquin (1225-1274). Ihre Entdeckerin ist Dr. Maria Burger vom Albertus-Magnus-Institut in Bonn, einer wissenschaftlichen Einrichtung der Erzdiözese Köln, deren Hauptaufgabe die Herausgabe einer kritischen Gesamtausgabe der Werke Alberts des Großen (1200-1280) ist. Dr. Burger hat die von ihr identifizierten Randbemerkungen des Kirchenlehrers mit anderen Autographen verglichen, vor allem mit der großen eigenhändigen Thomas-Handschrift in der Nationalbibliothek in Neapel (Ms. I B 54), und sie hat gründlich die Kartei der Thomas-Autographen in Paris zu Rate gezogen.

Mancher wird sich fragen, warum sowohl Frau Dr. Maria Burger wie der Direktor der Bibliothek Prof. Dr. Heinz Finger die sensationelle Entdeckung über ein Jahr geheimgehalten haben. Beide geben dieselbe Antwort: Auch nach dem Referat wurde der Fund weiteren gründlichen Analysen unterzogen und vor der Drucklegung wurden von Frau Dr. Burger die bedeutendsten Thomas-Forscher (u.a. die Dominikaner L.-J. Bataillon, A. Oliva und W. Senner) einzeln befragt. Das Fazit: Es ist kein Zweifel an der Echtheit möglich!


Die typischen Schriftzüge des Kirchenlehrers

Zur Schrift des heiligen Thomas sagt die Forscherin: "Die Schrift des Thomas von Aquin ist schwerfällig und zugleich hastig, so dass die Buchstaben sich nach rechts öffnen. Eine Rückwärtsbewegung des Schreibflusses nach links wird vermieden. Bei aller Flüchtigkeit in der Ausführung der Buchstaben ist Thomas jedoch sehr exakt in der Verwendung der zahlreichen Abkürzungen, die bei ihm selten Anlass zu Verwechslungen geben. Allerdings fehlen häufiger die Kürzungszeichen, so dass Wörter scheinbar unvollständig sind."

Mit anderen Worten: der größte Gelehrte des Mittelalters hatte eine Schrift, die für den Leser eine Zumutung darstellt. Die Forscher haben die Handschrift des Kirchenlehrers vornehm "littera inintelligibilis" (unlesbare Schrift) genannt. Dabei ist zu beachten, dass eine "ausgeschriebene Handschrift" für das Mittelalter ganz untypisch war, da die Buchschriften mehr oder weniger normiert waren und in Schreibschulen (Skriptorien) weitergegeben wurden. Damals war der Beschreibstoff, meist Pergament, recht teuer, und man musste schon ein großer Gelehrter sein, wenn man die Buchstaben nicht brav hinmalte.


Der "Codex 30" der Kölner Dombibliothek

Das Buch, in dem Thomas seine Glossen eintrug, ist ein Pergamentcodex aus dem 11. Jahrhundert, der im Benediktinerkloster Amorbach (Odenwald / Nähe Würzburg) geschrieben wurde. Wie er in den Besitz des Kölner Domes kam, ist unklar. Der Codex enthält auf gut 200 Seiten Texte des sogenannten Pseudo-Dionysius Areopagita, eines für das Mittelalter sehr wichtigen Verfassers, in lateinischer Übersetzung. Der Verfasser war ein Theologe, der um 500 n. Chr. im damals noch christlichen Syrien lebte. Im 8. Jahrhundert identifizierte man ihn fälschlich mit dem (legendären) Martyrerbischof von Paris aus dem 3. Jahrhundert (Saint Denis) und im 9. Jahrhundert unter Beibehaltung dieser Gleichsetzung sogar mit dem in der Apostelgeschichte (Apg 17,34) genannten Dionysius vom Areopag. So wurden die Schriften des Theologen aus dem Ausgang der Antike für die Schriften des Dionysius "Areopagita" gehalten, also für die eines Schülers des Apostels Paulus, und erhielten so allerhöchstes Ansehen.


Thomas als Assistent Alberts in Köln

Als der Dominikaner Albertus Magnus 1248 zusammen mit seinem Schüler Thomas von Aquin von Paris nach Köln ging, um dort das Generalstudium seines Ordens aufzubauen, begann er dort auch (wie nun erstmals bewiesen wird!) mit seinem Kommentar zu den Schriften dieses [Pseudo-]Dionysius Areopagita. Dabei hat er, wie Frau Dr. Burger durch Textvergleiche feststellte, den Codex 30 der Dombibliothek benutzt. Bei der Vorbereitung dieser Arbeit und wohl auch der dazu von Albert in Köln gehaltenen Vorlesung hat Thomas ihm offenbar zugearbeitet. Thomas von Aquin war also während seines Aufenthalts in Köln (1248-1252) sozusagen der Assistent seines Lehrers Alberts des Großen. Einen Teil dieser "Hilfsarbeiten" stellen die nun entdeckten Glossen dar.

Thomas hat seine Bemerkungen mit einem Metallstift (ähnlich einem Bleistift) teils auf den Blattrand, teils zwischen die Zeilen geschrieben. Das bedeutet, sie fallen keineswegs sofort ins Auge, und diejenigen auf dem Blattrand sind manchmal kaum noch zu erkennen. Frau Dr. Burger vermutet, dass später versucht wurde, sie durch Rasur wieder zu tilgen. So erscheinen die für uns heute so kostbaren Bemerkungen des heiligen Thomas sehr einfach und schlicht, aber geheimnisvoll.

Der größere Teil seiner Glossen enthält Alternativen zu der lateinischen Übersetzung, die der Codex der Dombibliothek bietet. Schließlich waren die Schriften des Dionysius ja im Original in griechischer Sprache verfasst. Thomas hat also wohl sehr sorgfältig nach Textvarianten in anderen lateinischen Übersetzungen gesucht, eine gewiss sehr mühevolle Arbeit. Der kleinere und noch viel interessantere Teil der Glossen enthält inhaltliche Bemerkungen, die Thomas vielleicht auch während der Vorlesungen Alberts eingetragen hat. Hier zeigt sich der eigentliche Theologe bei der Arbeit.


Ergebnisse

Die neue Entdeckung beweist neben der Tatsache, dass die beiden großen Kirchenlehrer Benutzer der Kölner Dombibliothek waren, zweierlei. Thomas von Aquin war in Köln nicht nur Schüler, sondern auch schon "wissenschaftlicher Mitarbeiter" des Albertus Magnus. Außerdem wissen wir nun genau, dass Albert sich bereits während seines ersten Köln-Aufenthalts (1248-1254) mit seinem Kommentar zu den Schriften des Dionysius beschäftigte. Dies war in der bisherigen Forschung keineswegs sicher.

Der Aufsatz von Dr. Burger über die neuentdeckten Glossen des hl. Thomas von Aquin steht auf den Seiten 190 bis 208 der folgenden Publikation, deren Beiträge insgesamt von kirchengeschichtlichem und kodikologischem Interesse sind:

Mittelalterliche Handschriften der Kölner Dombibliothek. Erstes Symposion der Diözesan- und Dombibliothek zu den Dom-Manuskripten. 26. bis 27. November 2004. Hrsg. von Heinz Finger. (Libelli Rhenani.12.) Köln 2005, 338 S., zahlr. Abb. – Erhältlich in der Erzbischöflichen Diözesan- und Dombibliothek, Kardinal-Frings-Str. 1-3, 50668 Köln, E-Mail: bibliothek@erzbistum-koeln.de, Preis: € 20,00 (mit Versand: € 22,50)


Heinz Finger/Harald Horst (Diözesan- und Dombibliothek Köln)

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