Vorsitz: Dr. Siegfried Schmidt, Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek Köln, 50668 Köln
Tel. 0221 1642-3782
Fax: 0221 1642-3783
e-Mail: Dr. Siegfried Schmidt
Das Frühjahrstreffen der Landesgruppe Nordrhein-Westfalen der AKThB fand dieses Jahr auf Einladung der Gemeinschaft der Spiritianer und Herrn Heiner Gehrken im Kloster Knechtsteden bei Dormagen statt.
Der inhaltliche Themenschwerpunkt unserer Zusammenkunft, zu dem selbstverständlich auch wieder die Kolleginnen und Kollegen aus den nordrhein-westfälischen Mitgliedsbibliotheken des Verbandes kirchlich-wissenschaftlicher Bibliotheken in der Evangelischen Kirche (VkwB) eingeladen waren, war ein Vortrag über den »Umgang mit Büchererbschaften und –nachlässen - Last oder Gewinn«. Die Behandlung dieses Themas wurde im Rahmen der »Aktuellen Stunde« des vergangenen Jahres in Aachen vorgeschlagen. In die sich anschließende Diskussion brachten alle auch ihre eigenen Erfahrungen mit dieser Thematik, der sich wohl keine Bibliothek entziehen kann, ein. Natürlich war auch Gelegenheit, das Kloster Knechtsteden und seine Bibliothek, die ja in den letzten Jahren erheblichen Veränderungen unterlag, ein wenig kennen zulernen. Schließlich bot das Treffen auch wieder Raum für die gegenseitige Information über wichtige aktuelle Entwicklungen aus den Mitgliedsbibliotheken und dem Verband sowie für persönliche Begegnungen und Gespräche.
Anfang April kamen rund 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus mehr als 20 AKThB-Mitgliedsbibliotheken sowie aus der Bibliothek der Theologischen Fakultät der Universität Leuven (Löwen) und aus zwei Mitgliedsbibliotheken des evangelischen Schwesternverbandes zum diesjährigen Frühjahrstreffen der Landesgruppe zusammen.
Das Treffen begann in der Benediktinerabtei Kornelimünster bei Aachen. P. Oliver erläuterte nach einer kurzen Begrüßung durch den Vorsitzenden der Landesgruppe, Prof. Dr. Siegfried Schmidt, Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek Köln, die aktuelle Situation seiner Kommunität: Die umfangreichen Umbau- und Rückbaumaßnahmen der Klostergebäude stehen nunmehr kurz vor dem Abschluss. Die älteren, aus dem 19. Jahrhundert stammenden Gebäudeteile sind verkauft und werden bald zu einem Wohnstift und Altenheim umgebaut werden. Klosterkirche, Kreuzgang und die sich anschließenden neueren Gebäudeteile werden künftig von der zahlenmäßig kleinen Ordensgemeinschaft genutzt, die ihr Haus auch weiterhin für Exerzitien und spirituelle Angebote öffnet. Hier ist auch weiterhin die Klosterbibliothek angesiedelt.
In gewisser Weise war P. Olivers Situationsbericht über ein Kloster im Umbruch ein sehr anschauliches Beispiel zum anschließenden Vortrag »Kirche im Umbruch: vom Pfarreiprinzip zur Pluralität kirchlicher Orte«, der von Dr. Martin Pott gehalten wurde. Herr Dr. Pott, Theologe und Caritaswissenschaftler, ist seit 1982 im pastoralen Dienst des Bistums Aachen tätig, derzeit als Referent für Pastoralentwicklung. In seinen Ausführungen ging er zunächst kurz auf die gesellschaftlichen Veränderungen ein, die den gegenwärtigen Strukturwandel in der Kirche bedingen. In einem zweiten Teil stellte er dar, wie die Verantwortlichen in der Diözese Aachen auf diese Herausforderungen reagiert haben: Aus ehemals 525 eigenständigen Pfarreien sollen 72 Gemeinschaften von Gemeinden (GvG) bis 2010 als neue Seelsorgsräume entstehen. GvG's sind im Bistum Aachen künftig die unterste pastorale Planungsebene. Diesen sollen gemäß einer Vorgabe des Bischofs mindestens zwei Priester im aktiven Dienst zugeordnet sein und sie sollen sich nur noch bedingt an den herkömmlichen Sozialräumen orientieren. Als spezifische Aachener »Philosophie« dieses Konzentrationsprozesses, der ja seine strukturelle Entsprechung in den meisten anderen deutschen Diözesen findet, stellte der Referent die Punkte Weggemeinschaft, von »Heimat« zu »Herberge«, eine Pastoral der vernetzten kirchlichen Orte und eine geteilte Verantwortung heraus. Der abschließende dritte Teil des Vortrags stand unter der Überschrift »Vom Umbruch zum Aufbruch». Hier ging Dr. Pott in einem Dreischritt »Sehen - Urteilen - Handeln« auf die pastoralen Chancen ein, die für die Kirche in der gegenwärtigen Umbruchsituation liegen. Insgesamt gelang es dem Vortragenden recht gut, einen auf den ersten Blick durch monetäre und personelle Zwänge ausgelösten reinen Verwaltungsakt spirituell und theologisch zu begründen.
Der erste Teil des Landesgruppentreffens schloss mit dem gemeinsamen Mittagsgebet in der Abteikirche und dem Mittagessen im Kloster ab. Anschließend fuhren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum nahe gelegenen Haus Eich im Süden der Stadt Aachen. In dieser ehemaligen Bildungsstätte des Bistums, in der noch Anfang Juli 2004 die Jahrestagung der AKThB stattfand, ist inzwischen das Katechetische Institut zusammengefasst. Dieses umfasst nunmehr, wie Frau Dipl.Bibl. Christine Salms in ihrem Vortrag »Strukturwandel im Bistum Aachen: Folgen für die Diözesanbibliothek« berichtete, drei Fachbereiche: Aus- und Fortbildung, religionspädagogische Medienstelle sowie Diözesanbibliothek/Fachstelle für öffentliche Büchereien. Frau Salms selbst ist in Personalunion Leiterin der beiden Einrichtungen des letztgenannten Fachbereichs. Im Zuge der Einsparmaßnahmen der Diözese Aachen der letzten Jahre hat also die Diözesanbibliothek ihre Eigenständigkeit und einen erheblichen Teil ihrer Personalstellen verloren. Der Benutzungsbereich und Lesesaal sowie die Mitarbeiterinnen der Bibliothek sind in das Haus Eich umgezogen, der allergrößte Teil des Magazinbestandes mit Ausnahme aktuell erworbener Literatur und der Bibliothek des früheren Aachener Bischofs Klaus Hemmerle ist am alten Standort verblieben. Durch einen Büchertransportdienst ist die arbeitstägliche Bereitstellung von Magazintiteln sicher gestellt. Frau Salms ging in ihrem Bericht auf die Einschränkungen und Probleme ein, die diese Reduzierung der Diözesanbibliothek mit sich gebracht hat und die im Übrigen 2007 auch eine Halbierung der Ausleihen gegenüber den Vorjahren zur Folge hatte. Aber auch positive Entwicklungen konnten vermeldet werden: Die räumliche Nachbarschaft der Diözesanbibliothek zur religionspädagogischen Medienstelle, die dieser neue Benutzerkreise erschließt, der Umstieg von Allegro auf das marktgängigere DV-System »Bibliotheca« und der Nachweis der verschiedenen Medienbestände in einem gemeinsamen Datenpool, die Gewährleistung eines Erwerbungsetats, der nach mehreren Jahren erstmals wieder in einem kleineren Rahmen auch kontinuierliche Neuanschaffungen theologischer Werke gestattet, sowie der neue Lesesaal der Bibliothek. Bei einem Rundgang durch die Räumlichkeiten konnten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst davon überzeugen, dass die Lesesaalnutzer der Diözesanbibliothek nun im Haus Eich einen hellen, ansprechend neu möblierten und mit DV-Terminals ausgestatteten Arbeitsraum vorfinden. Weitere positive Effekte erhofft sich die Aachener Diözesanbibliothek von einer Kooperationsvereinbarung, die mit der Diözesan- und Dombibliothek Köln getroffen wurde.
Bei Kaffee und Kuchen im Haus schloss das Landesgruppentreffen mit dem traditionellen allgemeinen Informationsaustausch im Rahmen einer Aktuellen Stunde ab. Herr Hubert Frank, Bischöfliche Aktion Adveniat, Essen, und Herr Franz Lüttgen, Bibliothek des Kolpingwerkes Köln, verabschiedeten sich angesichts des Eintritts in den Ruhestand aus dem Kreis der Landesgruppe. Während bei Adveniat die Bibliothek und Dokumentationsstelle bereits wieder fachlich besetzt wurde, ist dies beim Kolpingwerk in Köln nicht beabsichtigt. Der Fortbestand der Bibliothek darf aber dennoch inzwischen in einem reduzierten Rahmen als gesichert angesehen werden. Frau Bost-Borzymski berichtete über die Schwierigkeiten und Verzögerungen bei der Zusammenführung der früheren Diözesanbibliothek und der Fachstelle mit ihrer Ergänzungsbücherei zum neu gegründeten Medienforum des Bistums Essen; bis September sind die Bibliotheken ganz geschlossen. Herr Cronenberg wies darauf hin, dass die vereinbarte engere Kooperation zwischen Missio Aachen und München Auswirkungen auf die Bibliotheken und Dokumentationsstellen haben wird, die derzeit aber noch nicht klar sind. In München soll die Dokumentationsstelle geschlossen werden. Weitere Kurzberichte wurden von Professor Schmidt zum Umzug der Dominikanerbibliothek St. Albert in die Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek Köln und von Herrn Minkenberg zur Publikation eines Handschriftenkatalogs der Bestände der Diözesanbibliothek Münster vorgetragen. Herr D'Hondt wies darauf hin, dass die diesjährige BETH-Tagung Anfang September in Leuven stattfindet. Schließlich nahmen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dankend die Einladung von Herrn Heiner Gehrken an, im Frühjahr 2009 zu einem Folgetreffen der Landesgruppe im Kloster Knechtsteden zusammen zu kommen. Inhaltlich soll dabei der Umgang mit Nachlässen thematisiert werden.
Köln, im Juni 2008
Prof. Dr. Siegfried Schmidt
Geschäftsordnung:
1. Die Landesgruppe hat die Aufgabe
a) die Interessen der kirchlichen katholisch-theologischen Bibliotheken auf Landesebene im kirchlichen, politischen und kulturellen Raum wahrzunehmen und zu vertreten;
b) Aktivitäten innerhalb der Landesgruppe und im Rahmen der AKThB aufeinander abzustimmen sowie Kontakte zur Arbeitsgemeinschaft der kirchlichen Öffentlichen Büchereien im Verband der Bibliotheken des Landes Nordrhein-Westfalen, zum für das wissenschaftliche Bibliothekswesen zuständigen Referat im Ministerium für Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen und zu anderen bibliothekarischen Einrichtungen auf Landesebene zu pflegen;
c) für den ständigen Erfahrungsaustausch unter allen an a) und b) Beteiligten zu sorgen.
2. Mitglieder der Landesgruppe sind die in Nordrhein-Westfalen gelegenen Mitgliedsbibliotheken der AKThB, repräsentiert durch die jeweiligen leitenden Bibliothekarinnen/Bibliothekare oder die von ihr(ihm) beauftragte/n Vertreter/in.
3. Die Mitglieder wählen aus ihrer Mitte die Vorsitzende (den Vorsitzenden) und eine zweite Person zu ihrer (seiner) Vertretung in getrennten geheimen Wahlgängen für jeweils drei Jahre. Gewählt ist, wer die Mehrheit der abgegebenen Stimmen erhält.
4. Die (der) Vorsitzende, im Verhinderungsfall seine (sein) Stellvertreter/in vertritt die Landesgruppe als ihre Sprecherin (ihren Sprecher) nach außen und hält nach innen den Kontakt mit der (dem) Vorsitzenden und dem Beirat der AKThB aufrecht. Sie (er) beruft die Sitzungen der Landesgruppe ein, leitet sie und berichtet über ihre Tätigkeit seit der vergangenen Sitzung.
5. Es findet jährlich mindestens eine Sitzung außerhalb der Jahrestagung der AKThB statt. Einladungen mit Angabe der Tagesordnung ergehen durch die Vorsitzende (den Vorsitzenden) vier Wochen vor dem Sitzungstermin an die Mitglieder und an die (den) Vorsitzenden der AKThB. Zu Einzelfragen können auch sachkundige Fachleute hinzugezogen werden. Die Federführung der Landesgruppe obliegt der Bibliothek am Sitz der (des) Vorsitzenden. Die dabei entstehenden laufenden Unkosten (Porto etc.) werden, wenn die Bibliothek sie nicht tragen kann, auf die Mitglieder umgelegt.
Symposion über die Domhandschriften publiziert
Am 26. und 27. November 2004 fand in der Erzbischöflichen Diözesan- und Dombibliothek Köln ein wissenschaftliches Symposion statt. Thema waren für die historische Forschung besonders wichtige mittelalterliche Domhandschriften. Es nahmen mehr als 80 Wissenschaftler und Bibliothekare aus Deutschland, Belgien und der Schweiz teil. Zur Jahreswende 2005/2006, also nach gut einem Jahr, was im wissenschaftlichen Bereich als "schnell" gelten kann, wurden die Ergebnisse in einer eigenen Publikation der Bibliothek vorgelegt. Diese enthält nun zehn der dabei gehaltenen Referate als sehr sorgfältig ausgearbeitete Forschungsbeiträge. Die Themen sind vielfältig, es geht um Theologie, Liturgie und Kunstgeschichte, aber auch um mittelalterliche Astronomie und Zeitrechnung. (Titel, Preis und Bestellweg sind am Ende dieses Beitrags angegeben.)
Sensationelle Entdeckung
Einer dieser Symposiumsbeiträge enthält eine Sensation: Die Diözesan- und Dombibliothek besitzt in einer ihrer vierhundert mittelalterlichen Handschriften, und zwar im Codex 30, eigenhändige Eintragungen des heiligen Thomas von Aquin (1225-1274). Ihre Entdeckerin ist Dr. Maria Burger vom Albertus-Magnus-Institut in Bonn, einer wissenschaftlichen Einrichtung der Erzdiözese Köln, deren Hauptaufgabe die Herausgabe einer kritischen Gesamtausgabe der Werke Alberts des Großen (1200-1280) ist. Dr. Burger hat die von ihr identifizierten Randbemerkungen des Kirchenlehrers mit anderen Autographen verglichen, vor allem mit der großen eigenhändigen Thomas-Handschrift in der Nationalbibliothek in Neapel (Ms. I B 54), und sie hat gründlich die Kartei der Thomas-Autographen in Paris zu Rate gezogen.
Mancher wird sich fragen, warum sowohl Frau Dr. Maria Burger wie der Direktor der Bibliothek Prof. Dr. Heinz Finger die sensationelle Entdeckung über ein Jahr geheimgehalten haben. Beide geben dieselbe Antwort: Auch nach dem Referat wurde der Fund weiteren gründlichen Analysen unterzogen und vor der Drucklegung wurden von Frau Dr. Burger die bedeutendsten Thomas-Forscher (u.a. die Dominikaner L.-J. Bataillon, A. Oliva und W. Senner) einzeln befragt. Das Fazit: Es ist kein Zweifel an der Echtheit möglich!
Die typischen Schriftzüge des Kirchenlehrers
Zur Schrift des heiligen Thomas sagt die Forscherin: "Die Schrift des Thomas von Aquin ist schwerfällig und zugleich hastig, so dass die Buchstaben sich nach rechts öffnen. Eine Rückwärtsbewegung des Schreibflusses nach links wird vermieden. Bei aller Flüchtigkeit in der Ausführung der Buchstaben ist Thomas jedoch sehr exakt in der Verwendung der zahlreichen Abkürzungen, die bei ihm selten Anlass zu Verwechslungen geben. Allerdings fehlen häufiger die Kürzungszeichen, so dass Wörter scheinbar unvollständig sind."
Mit anderen Worten: der größte Gelehrte des Mittelalters hatte eine Schrift, die für den Leser eine Zumutung darstellt. Die Forscher haben die Handschrift des Kirchenlehrers vornehm "littera inintelligibilis" (unlesbare Schrift) genannt. Dabei ist zu beachten, dass eine "ausgeschriebene Handschrift" für das Mittelalter ganz untypisch war, da die Buchschriften mehr oder weniger normiert waren und in Schreibschulen (Skriptorien) weitergegeben wurden. Damals war der Beschreibstoff, meist Pergament, recht teuer, und man musste schon ein großer Gelehrter sein, wenn man die Buchstaben nicht brav hinmalte.
Der "Codex 30" der Kölner Dombibliothek
Das Buch, in dem Thomas seine Glossen eintrug, ist ein Pergamentcodex aus dem 11. Jahrhundert, der im Benediktinerkloster Amorbach (Odenwald / Nähe Würzburg) geschrieben wurde. Wie er in den Besitz des Kölner Domes kam, ist unklar. Der Codex enthält auf gut 200 Seiten Texte des sogenannten Pseudo-Dionysius Areopagita, eines für das Mittelalter sehr wichtigen Verfassers, in lateinischer Übersetzung. Der Verfasser war ein Theologe, der um 500 n. Chr. im damals noch christlichen Syrien lebte. Im 8. Jahrhundert identifizierte man ihn fälschlich mit dem (legendären) Martyrerbischof von Paris aus dem 3. Jahrhundert (Saint Denis) und im 9. Jahrhundert unter Beibehaltung dieser Gleichsetzung sogar mit dem in der Apostelgeschichte (Apg 17,34) genannten Dionysius vom Areopag. So wurden die Schriften des Theologen aus dem Ausgang der Antike für die Schriften des Dionysius "Areopagita" gehalten, also für die eines Schülers des Apostels Paulus, und erhielten so allerhöchstes Ansehen.
Thomas als Assistent Alberts in Köln
Als der Dominikaner Albertus Magnus 1248 zusammen mit seinem Schüler Thomas von Aquin von Paris nach Köln ging, um dort das Generalstudium seines Ordens aufzubauen, begann er dort auch (wie nun erstmals bewiesen wird!) mit seinem Kommentar zu den Schriften dieses [Pseudo-]Dionysius Areopagita. Dabei hat er, wie Frau Dr. Burger durch Textvergleiche feststellte, den Codex 30 der Dombibliothek benutzt. Bei der Vorbereitung dieser Arbeit und wohl auch der dazu von Albert in Köln gehaltenen Vorlesung hat Thomas ihm offenbar zugearbeitet. Thomas von Aquin war also während seines Aufenthalts in Köln (1248-1252) sozusagen der Assistent seines Lehrers Alberts des Großen. Einen Teil dieser "Hilfsarbeiten" stellen die nun entdeckten Glossen dar.
Thomas hat seine Bemerkungen mit einem Metallstift (ähnlich einem Bleistift) teils auf den Blattrand, teils zwischen die Zeilen geschrieben. Das bedeutet, sie fallen keineswegs sofort ins Auge, und diejenigen auf dem Blattrand sind manchmal kaum noch zu erkennen. Frau Dr. Burger vermutet, dass später versucht wurde, sie durch Rasur wieder zu tilgen. So erscheinen die für uns heute so kostbaren Bemerkungen des heiligen Thomas sehr einfach und schlicht, aber geheimnisvoll.
Der größere Teil seiner Glossen enthält Alternativen zu der lateinischen Übersetzung, die der Codex der Dombibliothek bietet. Schließlich waren die Schriften des Dionysius ja im Original in griechischer Sprache verfasst. Thomas hat also wohl sehr sorgfältig nach Textvarianten in anderen lateinischen Übersetzungen gesucht, eine gewiss sehr mühevolle Arbeit. Der kleinere und noch viel interessantere Teil der Glossen enthält inhaltliche Bemerkungen, die Thomas vielleicht auch während der Vorlesungen Alberts eingetragen hat. Hier zeigt sich der eigentliche Theologe bei der Arbeit.
Ergebnisse
Die neue Entdeckung beweist neben der Tatsache, dass die beiden großen Kirchenlehrer Benutzer der Kölner Dombibliothek waren, zweierlei. Thomas von Aquin war in Köln nicht nur Schüler, sondern auch schon "wissenschaftlicher Mitarbeiter" des Albertus Magnus. Außerdem wissen wir nun genau, dass Albert sich bereits während seines ersten Köln-Aufenthalts (1248-1254) mit seinem Kommentar zu den Schriften des Dionysius beschäftigte. Dies war in der bisherigen Forschung keineswegs sicher.
Der Aufsatz von Dr. Burger über die neuentdeckten Glossen des hl. Thomas von Aquin steht auf den Seiten 190 bis 208 der folgenden Publikation, deren Beiträge insgesamt von kirchengeschichtlichem und kodikologischem Interesse sind:
Mittelalterliche Handschriften der Kölner Dombibliothek. Erstes Symposion der Diözesan- und Dombibliothek zu den Dom-Manuskripten. 26. bis 27. November 2004. Hrsg. von Heinz Finger. (Libelli Rhenani.12.) Köln 2005, 338 S., zahlr. Abb. – Erhältlich in der Erzbischöflichen Diözesan- und Dombibliothek, Kardinal-Frings-Str. 1-3, 50668 Köln, E-Mail: bibliothek@erzbistum-koeln.de, Preis: € 20,00 (mit Versand: € 22,50)
Heinz Finger / Harald Horst (Diözesan- und Dombibliothek Köln)